Montag, 11. Januar 2016

"Ein Buch und eine Meinung" - Folge 10: Sophia Loren


"Regina del mare" und des Kinos: Sophia Loren
Sophia Loren: Mein Leben, München: Piper Verlag 2015.


Es ist, als säße man neben Sophia Loren auf einer großen, weißen Couch und tränke Kaffee. Sophia Loren erzählt so offen, gefühlvoll und anschaulich, nie würde man sich vorstellen, man säße ihr an einem großen Tisch distanziert gegenüber. Nein, Sophia Loren ist auch als Erzählerin ihres Lebens magisch, eindrucksvoll, souverän und zugleich nah wie eine gute Freundin. „Mein Gefühl sagt mir, dass ich mich in die Welt stürzen musste, ich wusste nur nicht, wie und wo. Und vielleicht nicht einmal, warum“ (S. 34). Es war nicht nur der Wunsch des Mädchens Sofia, als Schauspielerin ihre Gefühle auszudrücken, sondern es ist auch der Wunsch der Autobiographin Sophia Loren. Loren erzeugt in ihrer Autobiographie eine große Nähe zum Leser, indem ihre Sprache häufig wie aus dem Alltag gegriffen scheint, z.B. wenn sie fragt: „Ob mir das damals klar war? Schwer zu sagen.“ (S. 58). Loren bezieht so ihre Leser in den Erinnerungsprozess mit ein anstatt ihnen nur das Ergebnis dieses Prozesses zu präsentieren. Dieser emphatische und private Zugang, den Loren ihren Lesern zu ihrem Leben freilegt, wird bereits auf der ersten Seite der Autobiographie ausgestaltet. Im Prolog erzählt Loren wie sie am 23. Dezember, einen Tag vor Heilig Abend, in der Küche in den Vorbereitungen für die Feiertage steckt, während ihre Enkelkinder im Wohnzimmer rumoren und es an der Haustür klingelt. Nicht von der öffentlichen Perspektive des Schauspielstars, sondern aus der privaten Perspektive der Tochter und Schwester, der Mutter und Ehefrau ebenso wie der Freundin erzählt sie ihr Leben.

Auf leichte, aber eindringliche Art vermittelt Sophia Loren in ihrer Autobiographie ihren Lesern nicht nur ihren beruflichen und privaten Lebensweg, sondern auch die italienische Nachkriegsgeschichte und Filmwelt ebenso wie Ansichten und Einsichten in das Leben, die Liebe und den Lauf der Dinge, oft in anekdotischer Weise. Die Autobiographie Mein Leben ist 2014 zu Lorens 80. Geburtstag im Rizzoli Verlag mit dem Titel Ieri, oggi, domani erschienen. Der italienische Originaltitel war bereits 1963 Titel eines Films von Vittorio de Sica, in dem Loren die weibliche Hauptrolle in allen drei Episoden des Films spielte. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Sophia Loren wurde als Sofia Villani Scicolone 1934 in ärmlichen und von Hunger geplagten Verhältnissen in Rom geboren, zog aber wenig später mit ihrer Mutter Romilda Villani nach Pozzuoli, einem ärmlichen Vorort von Neapel, wo sie aufwuchs. Sofia und ihre jüngere Schwester Maria waren unehelich, da der Vater Riccardo Scicolono bereits verheiratet war. Er kümmerte sich zeitlebens nicht um seine Töchter, die dessen Ablehnung und Kälte nie überwanden. Romilda versuchte mit der Schönheit ihrer Tochter Sofia auf Misswahlen, mit dem Modellstehen für Fotoromane und mit Komparsenauftritten Geld zu verdienen, um die Familie durchzubringen. Vittorio de Sica, einer der wichtigsten italienischen Regisseure des 20. Jahrhunderts, entdeckte die jugendliche Sofia in Rom, nachdem sie ein Zugticket in die Hauptstadt auf einem Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Ihre Wahl zur „Miss Rom“ im Jahr 1950 war eines von mehreren schicksalhaften Ereignissen ihres Lebens. Wenngleich sie dort nicht den ersten Platz gewann, so lernte sie dort ihre große Liebe, den viel älteren Filmproduzenten Carlo Ponti kennen, der zum Zentrum ihres Lebens wurde und mit dem sie die Kinder Carlo und Edoardo bekam. Carlo, der für Loren nicht nur ein Geliebter, sondern auch wie ein Vater, Freund und Berater für sie war, starb 2007 im Alter von 95 Jahren. Ihre Liebe zu Carlo wurde von seiner ersten Ehe überschattet, insofern seine Scheidung von der Kirche nicht anerkannt wurde und er mit Sofia zunächst keine Ehe eingehen konnte. Carlo ließ sich in Mexiko von seiner Frau scheiden und heiratete Loren 1957. 1962 wurde die Ehe jedoch annulliert. Loren, Carlo und Giuliana Fiastri, Carlos erste Ehefrau, nahmen daraufhin die französische Staatsbürgerschaft an. Carlo ließ sich erneut scheiden und legalisierte 1966 seine Ehe mit Sophia Loren. Sophia Loren erzählt mit ihren Erinnerungen zugleich von den Leben einiger wichtiger Filmemacher und Schauspieler, mit denen sie zusammenarbeitete. Neben ihrem Lehrmeister Vittorio De Sica und ihrer großen Liebe Carlo Ponti erzählt sie auch von dem Regisseur Cesare Zavattini, dem Schauspieler Marcello Mastroianni, der ihr ein Seelenverwandter wurde und von dem großen Charlie Chaplin.

„Ich fuhr los, ins Ungewisse, dem Märchen meines Lebens entgegen.“ (S. 79)

Loren, die in den 1960er Jahren zum Weltstar wurde, hat insgesamt über 100 Filme gedreht. Ihre erste Hauptrolle spielte sie in Weiße Frau in Afrika 1953 von Goffredo Lomardo, der aus Sofia Scicolone die international präsentable Sophia Loren machte. Mit ihrem Leinwandpartner Marcello Mastroianni, mit dem sie eine innige Freundschaft verband, drehte sie u.a. die Hollywood-Produktionen Hausboot (1958), Es begann in Neapel (1960) und Und dennoch leben sie (1960). Mit letzterem Film erlebte Loren ihren internationalen Durchbruch. Die Bühnen der Welt wurden zu ihrem Lebensraum, in dem Leben und Traum, Leben und Fiktion sich immer stärker vermischten. Sie träumte nicht ihr Leben, sondern sie lebte ihre Träume.

 „Ich lief durch diese Märchenwelt und haschte nach meinem Schicksal wie nach einem Trugbild. Ich lief und träumte, aber ich war keine Träumerin. Ich stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden und wartete auf meine Chance. Und ich war zuverlässig und pünktlich.“ (S. 76)

Sophia Loren bei der Erzählung ihres Lebens zuzuhören, ist nicht nur deshalb so spannend, weil sie von ihren Träumen und dem Mut, den es braucht, an diesen Träumen festzuhalten und nicht aufzugeben erzählt, sondern weil sie damit auch dem Leser Mut macht, an seine eigenen Träume zu glauben, mögen es auch ganz kleine und private Träume sein. Zum Träumen braucht es Mut, wenn man etwas erreichen will, gibt Loren ihren Lesern weiter. Loren zeichnet besonders dieser Mut aus, zu sich zu stehen, mit all ihren Ecken und Kanten, so wie sie ist. Darin liegt das Geheimnis ihrer Schönheit und Magie.

In den vielen Ereignissen und Anekdoten ihres Lebens erfährt der Leser dieser Autobiographie von der Vielschichtigkeit dieser Künstlerpersönlichkeit, die durch großen Kampfgeist und Mut, große Lernbereitschaft und Wissbegierde, Leidenschaft sowie Neugierde charakterisiert ist. Zu ihren Facetten gehören aber auch die schmerzlichen Erfahrungen des Verlusts und der Einsamkeit, Schüchternheit, Verletzlichkeit und Ängste, von denen Loren offen erzählt. Trotz oder gerade wegen ihres großen öffentlichen Erfolgs durchdringt sie auch die Sehnsucht nach dem Einfachen, Privaten und Familiären und nach Heimat. Und so erzählt Loren auch, wie sie schwimmen gelernt hat, von der Pasta mit Bohnen, die zum Duft ihrer Kindheit wurde oder wie sie mit Sarah Spain Englisch lernte. So wie Loren ihr Leben erzählt, ist sie selbst: bodenständig und natürlich.

„Die Schatzkiste meiner Erinnerungen“, so überschreibt Loren die ihrer Autobiographie beigefügten Fotostrecken, in denen sie auf über sechzig Seiten eine Fülle von Einblicken in private und öffentliche Fotografien, in Briefe und Tagebucheinträge oder in Film- und Werbeplakate gewähren lässt. Allein die Fülle der Bilder und die Offenheit, diese Bilder der Öffentlichkeit zu zeigen, diese Schatzkiste der Erinnerungen ist es wert, dieses Buch zu besitzen. In mehreren Zwischenspielen kehrt Sophia Loren in ihrer Autobiographie in die Gegenwart zurück, die sie im Prolog eröffnet hatte: ein Tag vor Heiligabend. Dann wird sie sich ihres Glückes bewusst, des vergangenen wie des gegenwärtigen. „Ich gebe mich meinen Gefühlen hin und spüre dieser unsagbaren Freude im Hier und Jetzt noch eine Weile nach, bevor mich wieder meine Schatzkiste ruft und in die Vergangenheit zurückführt.“ (S. 194) Hier lässt sich einmal sagen, was man allzu oft leider nicht sagen kann: Mein Leben von Sophia Loren ist zu recht ein Bestseller geworden – und sollte es bleiben.


Sophia Loren: Mein Leben, München: Piper Verlag 2015, 9,99 €

Siehe auch den Link zum Buch im Piper Verlag: http://www.piper.de/buecher/mein-leben-isbn-978-3-492-30837-3