Donnerstag, 17. September 2015

Cronaca di un amore




2007/3000-4000 Jahre v. Chr.


Die Liebenden von Valdaro

Die "Liebenden von Valdaro", so haben die italienischen Medien 2007 einen außergewöhnlichen Fund getauft. Archäologen des "Museo Archeologico Nazionale di Mantova", allen voran Elena Menotti, fanden in der Nähe des norditalienischen Mantua Gebeine aus der Jungsteinzeit (Neolithikum). Das besondere daran war nicht nur, dass es sich dabei um eine Doppelbestattung handelte, auch wenn diese in der Jungsteinzeit nur selten vorkommen. Noch außergewöhnlicher war, dass sich die Toten in den Armen halten. Wenn auch nicht gesichert festgestellt werden konnte, ob es sich tatsächlich um ein Paar handelte, erfand man hierfür das romantische Bild der "Liebenden von Valdaro". Anhand der Zähne lässt sich vermuten, dass es sich um junge Menschen handelte. Beide sind durch Pfeilspitzen zu Tode gekommen. Ihre Bestattung liegt vermutlich 5000-6000 Jahre zurück. Die Gebeine der Toten sind bei aller Vergänglichkeit auch Sinnbild für ein "stilles Leben" der Liebe durch die Jahrhunderte. Vielleicht beschreibt das die Paradoxie des Stilllebens, das sie beständig zeigen, was vergänglich ist.


Foto:  Gerard Van der Leun, 26. 05. 2013
Quelle: https://www.flickr.com/photos/1000photosofnewyorkcity/8843077433
Lizenz:  https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/




Dienstag, 15. September 2015

giornale poetico - quadri





Meister des Hartford-Stilllebens, 1600-1610, Wadsworth Atheneum


Das Stillleben "Tisch mit Blumen und Früchten" stammt von einem italienischen Maler des Barock, dessen wahrer Name unbekannt ist und der vermutlich um 1590-1610 in Rom gelebt und gearbeitet hat. Als die Ähnlichkeit des Bildes mit einem Tisch im Hartford Atheneum (Connecticut) erkannt wurde, nannte man ihn fortan Meister des Hartford-Stilllebens. Die meist üppigen Stillleben - natura morta - arbeiten mit der typischen Symbolsprache des Barock, die das Paradigma des "memento mori" ausdrückt, die unausweichliche Vergänglichkeit des Lebens.

Quelle der Abbildung: Web Gallery of Art, http://www.wga.hu/frames-e.html?/html/m/master/hartford/1table.html



 

Montag, 14. September 2015

Ankündigung


+ NATURA MORTA +++ STILLLEBEN +++ NATURA MORTA +++ STILLLEBEN +++ NATURA MORTA +++ STILLLEBEN +


Liebe Italienreport-Leser!


Giorgio Morandi: Natura morta, 1956
In der nächsten Zeit werden wir uns einige ganz unterschiedliche Stillleben, in Italienisch "natura morta", ansehen. Ich lade euch ein, sowohl Bilder als auch Texte in Augenschein zu nehmen, die konkrete Stillleben zeigen als auch solche, die sich im etwas weiteren Sinne als Stillleben verstehen lassen. Natürlich  handelt es sich dabei um deutsche oder italienische Erscheinungen oder beides zusammen - wie immer im Italienreport. Wie immer mache ich es auch diesmal gerne etwas spannend - nur ein Hinweis sei gegeben: Natura Morta erwarten wir auch auf der Buchmesse in Frankfurt am Main, die in ziemlich genau einem Monat stattfinden wird. Wenn ihr jetzt nur Frankfurt am Main verstanden habt, schaut in den nächsten Tagen wieder rein, hier in den Italienreport. Abbildung: Giorgio Morandi, Natura Morta, Öl auf Leinwand, 1956, Privatbesitz; Quelle: http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Giorgio_Morandi


Viel Spaß und gute Unterhaltung mit Italienreport!

+ NATURA MORTA +++ STILLLEBEN +++ NATURA MORTA +++ STILLLEBEN +++ NATURA MORTA +++ STILLLEBEN +



Sonntag, 13. September 2015

giornale poetico - quadri





Italienische Gastarbeiter (Bergleute) in Walsum, 28. Mai 1962, Foto: Ludwig Wegmann, Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F013069-0004 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0





Italienische Gastarbeiter-Kinder in Walsum, Foto: Ludwig Wegmann, Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F013072-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0




Freitag, 11. September 2015

Cronaca di un amore


1955 
 
Das so genannte „Anwerbeabkommen“, durch das zahlreiche Italiener als Gastarbeiter nach Deutschland kommen, wurde am 20. Dezember 1955 beschlossen. Die boomende Wirtschaft in Deutschland braucht mehr Arbeitskräfte. Ihre Rekrutierung durch Flüchtlinge und Vertriebe aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und bis zum Mauerbau 1961 auch aus der DDR reichte eines Tages nicht mehr aus und so beschloss man das so genannte „Anwerbeankommen“. Bereits 1953 bemühte sich die italienische Regierung um die Vermittlung italienischer Arbeiter nach Deutschland. Dahinter steckte zunächst ein rein finanzwirtschaftliches Interesse Italiens, das mit dieser Strategie die Leistungsbilanz des Landes der Bundesrepublik Deutschland gegenüber auszugleichen oder anders formuliert, das Defizit in der Handelsbilanz zu kompensieren. Die italienische Wirtschaft wurde entlastet und die deutsche Regierung erhielt die gesuchte Arbeitskraft. Eine klassische „win-win-Situation“ wie man sie heute neudeutsch nennen würde. Die deutsche Regierung reagierte anfänglich zurückhaltend auf dieses Angebot. Den Weg für das „Anwerbeabkommen“ ebnete schließlich das deutsche Außenministerium, das sich gegenüber dem Bundesministerium für Arbeit in den Verhandlungen durchsetzte und die Beschäftigung von Ausländern befürwortete. Für Deutschland wurde der Ausbau bilateraler Beziehungen mit Italien zum Vorbild für weitere Anwerbeabkommen mit Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien, die alle in den 1960er Jahren geschlossen wurden.

Anfangs vorgesehen waren Beschäftigungsverhältnisse im Saisongeschäft, v.a. in der Landwirtschaft und in der Hotel- und Gaststättenbranche. Die Arbeitsverträge waren auf sechs oder zwölf Monate befristet. Die „Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland“ war eine Arbeitsvermittlung, die sowohl Auswahl der italienischen Bewerber, als auch Anreise, Lohnfragen und Familiennachzug regelte. Nach ihrer Ankunft am deutschen Zielbahnhof, wurden die Italiener registriert, mit einer warmen Mahlzeit versorgt und dann auf die Züge verteilt, die sie zu ihrer neuen Arbeits- und Lebensstätte bringen sollten. Untergebracht wurden die italienischen Gastarbeiter in Gemeinschaftsunterkünften, Dolmetscher halfen ihnen sich im deutschen Alltag zurechtzufinden – die richtige Straßenbahn, den Supermarkt, einen Arzt etc. finden. Kurz nach Inkrafttreten des Abwerbeabkommens meldeten sich zahlreiche weitere Betriebe und ganze Branchen wie der Bergbau und die Eisen- und Metallindustrie für die Aufnahme der so genannten „Gastarbeiter“. Eingesetzt wurden diese meistens in Schichtarbeit für die Ausführung schwerer, schmutziger Arbeiten. Viele Überstunden, ein geringer Lohn und einfache Unterkünfte machten das Leben für die italienischen Gastarbeiter in Deutschland sehr schwer. Die meisten Italiener versuchten so viel Geld wie möglich zu sparen, um nach dem geplanten Arbeitsjahr in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort eine eigene Zukunft aufzubauen.

Bis zur wirtschaftlichen Rezession 1966/67 nahm die Aufnahme italienischer Gastarbeiter v.a. aus Süditalien stetig zu, so dass insgesamt 67 % der Migranten in Deutschland Italiener waren. Höhepunkt der Einwanderung war das Jahr 1965 mit der Aufnahme von einer guten halben Million italienischer Arbeiter. Im Jahre 1973 verursachte die durch die Ölkrise ausgelöste Stagnation der Wirtschaft zum Anwerbestopp von Gastarbeitern sämtlicher Länder. Viele Betriebe in der Bau- und Textilbranche schlossen ihre Tore und entließen als erstes ihre Gastarbeiter, die immer häufiger arbeitslos wurden. Statt der damals erwarteten Rückreisewelle der Gastarbeiter blieben diese nicht nur, sondern die Zuwanderung stieg sogar weiter an, wenn auch nicht im selben Umfang wie in den sechziger Jahren. Die Ausgaben der Arbeitslosen- und Sozialhilfe stiegen an. Die deutsche Regierung musste sich den Anforderungen und Herausforderungen der Integration der einst nur zeitlich befristeten Arbeitskräfte in die deutsche Gesellschaft stellen. Die Hauptschwierigkeiten betrafen das Erlernen der Sprache, das durch den erlebten Kulturschock stark ausgeprägte Heimweh und die Ängste in der deutschen Bevölkerung, die immer wieder zu Ablehnungen und Ausgrenzungen ausländischer Mitbürger führte. Seit 1955 sind etwa vier Millionen italienische Staatsbürger nach Deutschland eingewandert. Mittlerweile ist die dritte Generation der einstigen Gastarbeiter herangewachsen. Wenngleich sich die Art der Schwierigkeiten verändert haben, es ist und bleibt noch immer eine Herausforderung für die deutsche Gesellschaft ihr multikulturelles Gesicht zu akzeptieren und mit einem Lächeln zu beantworten. Die aktuelle Flüchtlingswelle zeigt aber, dass in der deutschen Gesellschaft ein großes Herz und viel Offenheit verbreitet ist, die andauernden Herausforderungen anzunehmen. 


Dienstag, 8. September 2015

lessico famigliare - Filmtipp



Familie Amato in Duisburg

Solino (2002) von Fatih Akin

Solino ist ein kleines Dorf im süditalienischen Apulien, zu einem “Solino”, einem Alleinseienden, wird nicht nur der kleine Junge Gigi, sondern auch der Rest der Familie, als sie nach Deutschland gehen: der Bruder Giancarlo, die Mutter Rosetta Amato und Vater Romano Amato. Schweren Herzens brechen Mutter und Kinder mit dem Vater mit dem Zug auf, weil im Duisburg der sechziger Jahre Arbeit und damit Sicherheit und Zukunft auf die Familie warten. Sie werden die Familie, die das erste und lange einzige italienische Restaurant in Deutschland eröffnen, das Restaurant „Solino“.

In eindrucksvollen Bildern wird von der Tristesse deutscher Städte, dem Ruhrgebiet und der Entwicklung der Nachkriegsgesellschaft von 1964 bis 1984 erzählt. Thematisiert werden die Sprachprobleme, die Schwierigkeiten sich an Lebensmittel und Klima Deutschlands zu gewöhnen und Erziehungsproblemen. Die Mutter hat schließlich die Idee ein Restaurant für die Italiener in Deutschland zu eröffnen, damit sie wie zuhause essen können. Im Keller eines leer stehendes Hauses in ihrer Straße richtigen sie eine Küche ein, die zum Mittelpunkt der Familie werden wird, aber zugleich die gewonnene Zukunft einkerkert. Gleich zu Beginn thematisiert eine Szene dabei den Subtext dieser Story: die Familie (noch in der italienischen Heimat) versucht einen Vogel, der frei durch das Wohnzimmer fliegt und sich dort verirrt hat, einzufangen, um ihm die Freiheit zu schenken. Die Schwierigkeiten und Herausforderungen des unbedingt Notwendigen und zugleich fast unmöglich scheinenden werden hier zum Thema gemacht. Man muss den Vogel einfangen, um ihm die Freiheit zu schenken. Andererseits lässt sich der, der frei ist, nicht einfach einfangen. Zugleich ist der, der frei zu sein scheint, nicht unbedingt frei, sondern in einem weiter abgesteckten Raum, der Freiheit zu versprechen scheint, gefangen – so der Vogel im Wohnzimmer und so später die Familie Amato in Deutschland. Sie wird diesen scheinbaren vogelfreien Flug in Deutschland nicht als Familie überleben und zerbricht als die herangewachsenen Söhne beschließen, ihre eigenen Wege zu gehen und die Mutter den Vater mit einer Geliebten erwischt. Schwer an Leukämie erkrankt kehrt sie nach Solino zurück. Gigi und Giancarlo leben mit der Deutschen Jo in einer WG. Ihre Rivalität um die junge hübsche Frau treibt die Brüder immer weiter auseinander wie auch die Fürsorge um die Mutter. Dabei offenbart sich, dass jeder Egoismus, der von ihnen gelebt wird, mit alten Wunden verbunden ist, die versucht werden, zu heilen: Rosetta leidet am deutschen Alltag, der mangelnde Zärtlichkeit ihres Mannes. Gigi kämpft um seinen Traum, Filmemacher zu werden und das unmögliche möglich zu machen wie z.B. den Schnee nach Italien zu bringen. Er fühlt sich von seinem Bruder und Vater mit der Verantwortung für die kranke Mutter alleingelassen. Giancarlo gönnt seinem Bruder dessen Erfolg mit seinem ersten Film nicht, weil er sich vernachlässigt und nicht genug wahrgenommen fühlt. Er möchte es sein, an den geglaubt wird. Und Romano? Auch er kämpft, kämpft um den Preis seiner Ehe und den Kontakt mit seinen Söhnen. Insbesondere Giancarlo ist er dabei viel ähnlicher als es beiden bewusst ist, denn auch Romano Amato arbeitet Tag und Nacht, um die Anerkennung in seiner Heimat zu erhalten, um wer zu sein, um als jemand wahrgenommen zu werden, der es zu etwas gebracht hat, der Erfolg hat.

Wie sich das neue Leben Rosettas in der alten Heimat entwickelt und wo Gigi beschließt zu leben, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Preisgeben aber lässt sich die Quintessenz des Films, die im Film direkt besprochen wird: „Was ist wichtig im Leben? Lebe dein Leben mit Feuer und Leidenschaft.“ Gehe durch deine Welt mit offenen Augen, so als würdest du sie das erste Mal sehen.

Fatih Akin ist ein deutscher Regisseur türkischer Abstammung. Sein Film Solino aus dem Jahre 2002 ist einer seiner früheren Filme, erst mit seinem viel ausgezeichneten vierten Film Gegen die Wand (2004) wurde Akin international bekannt. Das Drehbuch für diesen Film schrieb Ruth Toma. Seine Eltern siedelte Mitte der sechziger Jahre aus der Türkei nach Deutschland über, Fatih Akin wurde 1973 in Hamburg geboren. Bereits in seiner Schulzeit entwickelte er ein großes Interesse für den Film und schrieb seine ersten Drehbücher. Nach dem Abitur studierte er „Visuelle Kommunikation“ an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HfbK). Akin war u.a. in der Jury der Filmfestspiele von Cannes sowie als Lehrbeauftrager an der HfbK in Hamburg tätig und ist Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg. Neben Spielfilmen produziert er auch Kurzfilme, Dokumentarfilme und Musikvideos.


Abbildung: Familie Amato in Duisburg. Quelle: http://image.toutlecine.com/photos/s/o/l/solino-2002-03-g.jpg